
Meinen Rucksack hatte ich schon am Abend zuvor gepackt: Foto, Wasser, Nüsse, Sitzkissen, Fleecejacke. Die letzten Wochen hat sich Vieles verdichtet und verstärkt. Unruhe und Unzufriedenheit haben mich immer mehr ergriffen. Die Konzentration auf das Leben zuhause ist wie ein déjà-vue gewesen: eine Wiederholung jener langen Phase nach Trennung und Umzug, in denen es kaum Begegnung gab.
Nun war es Zeit. Ich hatte das dringende Bedürfnis und die Sehnsucht, aus dieser Verdichtung herauszutreten. Deshalb bin ich los mit meinem Rucksack, am frühen Sonntagmorgen; den Ausschlaf-Rhythmus durchbrochen, es war 5.30 Uhr. In Richtung Albtrauf. An eine Stelle, die den Blick freigibt in die Weite des Albvorlandes. Da oben habe ich gewartet. Auf das Licht am Anfang des Tages.
Es war wunderbar! Wie das Licht die Schatten verschoben hat, wie die Farben zu leuchten begannen. Wie alles seinen Anfang genommen hat. Und ich ganz allein in dieser Morgenluft auf einem weiten, grünen Grashang. Fast zwei Stunden war ich dort draußen. Zurück zuhause war ich noch immer durchgefroren, es hatte nur fünf Grad gehabt da oben. Und gleichzeitig fühlte ich mich wie einmal „durchgespült“. Vielleicht ein bisschen leer, wohltuend leer. Wie der Schreibtisch, den ich vor zwei Wochen aufgeräumt hatte. Mit einem warmen Kaffee habe ich mich dann vor den Fernseher gesetzt, der SWR hat den katholischen Fernsehgottesdienst aus Tübingen übertragen. Und an dieser Stelle muss ich denjenigen rechtgeben, die in dieser Zeit der unzähligen, gestreamten Eucharistiefeiern sagen es mache einen Unterschied, ob man den Zelebranten kenne. Ja, es hat mir tatsächlich gutgetan, eine vertraute Stimme zu hören und einen vertrauten Menschen zu sehen. Das hatte ich mir so nicht vorstellen können. Aber dieser Gottesdienst war noch weit mehr – seit Corona habe ich keine andere Übertragung aus einer leeren Kirche erlebt, die so eindrucksvoll war: Hörfunkpfarrer Thomas Steiger hatte drei Frauen im Altarraum versammelt, die Lektorin und zwei Musikerinnen, der Mann am Klavier war (gutes) Beiwerk, immer nur von hinten im Bild. Eine Predigt, der man zuhören konnte und schöne Texte zum für mich passenden Thema „Stimme“, dazu richtig guter und berührender, mehrstimmiger Gesang, Frauen und Männer gemeinsam. Das Hochgebet von Janssens gesungen, ebenso das Vaterunser. Das alles hat mich mindestens so erwärmt wie mein Kaffee! Ich habe sogar ohne Nachdenken die Lieder mit gesummt oder gesungen. Es hallte regelrecht in mir; es war ja wahrscheinlich ein wenig Raum in meiner neuen, kleinen Leere. Platz für ein bisschen Anfang.
SWR-Fernsehgottesdienst vom 3. Mai aus Tübingen in der ARD-Mediathek
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Liebe Frau Manuela Pfann, Sie haben mich mit Ihrer Beschreibung vom Fernsehgottesdienst neugierig gemacht. Und ich habe den SWR Gottesdienst vom 3.5. angeschaut. Er war wohltuend. Was war nun anders als bei den Geistergottesdiensten?
Ich fühlte mich angesehen und angesprochen vom Pfarrer, den ich übrigens nicht kenne.
Klar tut es mir gut, wenn ich sehe, zwei Männer, drei Frauen, finde ich gut. Sorry, sollte unwichtig sein, aber manchmal fühle ich mich erschlagen von der männlichen Übermacht der katholischen Kirche.
Was war noch anders?
Der Pfarrer stellte einen guten Kontakt her. Er war präsent und nahm sich gleichzeitig zurück. Er spielte keine Rolle, kein Theater, spulte nicht das Programm ab. Ich möchte so Worte nutzen wie demütig und gläubig und achtsam.
Die Texte waren ansprechend und ich fühlte mich angesprochen und war mit Herz und Seele dabei.
Was ich kannte, sang ich mit. So etwas habe ich noch nie gemacht.
Wie war es nur möglich, diese Nähe herzustellen?
Den Psalm 23 hätte ich lieber auf Deutsch gehört, aber es war ja nicht mein Wunschkonzert.
Danke für diesen guten Tipp.
Und zum Anfang Ihres Eintrags: So ein frühes Aufstehen und Wandern ist wie ein Seelen -Großputz. Der Wind ( die heilige Geisteskraft?) fährt einmal ordentlich durch Leib und Seele, eine gute Sache, zum Nachahmen empfohlen.