
„Spiritualität in der Krise“ – so heißt ein Gesprächsforum für pastorale Mitarbeiter*innen, zu dem ich eingeladen bin. Ich melde mich gleich an und freue mich, dass es in der Kirche St. Fidelis in Stuttgart stattfindet, dem neuen spirituellen Zentrum der Stadt und gleichzeitig meiner Heimatkirche.
Am Tag des Gesprächsforums fahre ich mit der U-Bahn von meinem Büro aus in den Stuttgarter Westen. Ich bin gespannt, was dieser Nachmittag mit mir macht. Vor der Kirche warten schon Kolleg*innen, und wir plaudern eine Weile. Dann werden wir geholt, denn es ist Zeit für den Beginn.
Als ich den Gottesdienstraum betrete, wird mir warm ums Herz. Ich kenne jeden Winkel von St. Fidelis und erinnere mich gerne an all die Jugendgottesdienste und liturgischen Nächte, die ich hier mitgefeiert habe. Inzwischen ist die Kirche aufwändig renoviert und hat statt der Bänke Stühle, die nach Bedarf gestellt werden können. So setzen wir uns in den Stuhlkreis, um loszulegen.
„Spiritualität in der Krise“ – diese Überschrift hat zwei Facetten: Zum einen kann Spiritualität helfen, mit einer Krise umzugehen. Vielleicht haben wir das in den vergangenen Wochen und Monaten erlebt. Zum anderen ist unsere Spiritualität gerade selbst in einer Krise. Traditionelle Formen tragen nicht mehr. Menschen bleiben unseren Angeboten fern oder wenden sich ganz von der Kirche ab.
In einem Referat lernen wir die psychologischen Hintergründe einer Krise kennen. Das innere Gleichgewicht und Selbstbild wird in einer Krise erschüttert. Ich erkenne mich in den Gedanken wieder. Wie oft habe ich in der Pandemie gemerkt, dass mein Bild von Sicherheit, Planbarkeit und selbstverständlichen Rahmenbedingungen meines Lebens ins Rutschen kommt.
Doch was für einzelne Menschen gilt, das gilt auch für unsere Kirche. Sie ist massiv in der Krise, nicht erst seit Corona. Seitdem weiß sie nicht mehr, wer sie eigentlich ist oder sein soll. Das Ringen darum begleitet den Synodalen Weg. Manche reden die Krise klein, weil sie nicht sein darf. Sie behaupten immer neu, dass der sexuelle Missbrauch nur instrumentalisiert wird, um Veränderungen in der Kirche durchzusetzen. Doch wer so redet, zeigt lediglich, dass er wenig Krisenfähigkeit besitzt.
Denn das lernen wir heute auch: Es geht nicht um Krisenfestigkeit, also darum, nur ja keine Krise aufkommen zu lassen. Nein, im Leben geht es immer um die Krisenfähigkeit, um die Ressourcen, mit erschütternden Veränderungen umzugehen, sie zuzulassen und mit neuen inneren und äußeren Konzepten aus ihnen hervorzugehen.
In mir gibt es viele innere Bilder von Lebensphasen, in denen ich genau dies erfahren habe: Krisen sind anstrengend, aber die eigene Dünnhäutigkeit geht mit neuen Lebensmöglichkeiten einher. Es ist wie bei einer Schlange, die sich häutet. Es braucht Zeit, bis eine neue, schützende Haut nachwächst. Aber dann ist die Schlange mit neuer Schönheit ausgestattet.
Wir tauschen uns aus über unsere Erfahrungen. Wie hat sich Spiritualität für uns in der Pandemie verändert? Bei uns persönlich, aber auch bei unserer pastoralen Arbeit? Dabei stellen wir fest, dass überall dort neue Kraft und Bestärkung gewachsen sind, wo wir auf die eigenen Bedürfnisse und die der anderen gehört und mit kreativen Formen auf sie geantwortet haben. Manch alte Hülle der Tradition haben wir in diesem Prozess erstaunlich schnell abgestreift.
Ich denke dankbar an die „Frauenkirche to go“ unter freiem Himmel, an Pilgerwege und Online-Angebote, mit denen wir als Frauenbund Alternativen zu gestreamten Messen zur Verfügung gestellt haben. So sind Räume entstanden, in denen wir auf unseren eigenen inneren Kompass in der Krise hören konnten und dabei mit Gott in Berührung kamen.
Dieser Weg wird unabhängig von der Pandemie weitergehen, bin ich mir sicher. Wir sind darin als Frauenbund sozusagen eine „alternative Kirche“. Das darf uns ermutigen, gerade auch dort, wo sich unser Verband gerade selbst „kriselig“ anfühlt und die Erneuerung uns immer wieder Kraft kostet.
Das Gesprächsforum ist zu Ende. Ich verlasse St. Fidelis und bin bewegt. So, wie in diesem Kirchenraum die alten Bänke mit viel Kraftanstrengung ausgeräumt wurden und die dunkle Holzvertäfelung hell gebeizt wurde, so braucht es auch im übertragenen Sinn mutige Renovation, damit Spiritualität neu Raum und Licht bekommt in heutiger Zeit.
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Hinhören! Auf die Bedürfnisse – unsere und die unserer Gemeinschaft – hören. Dieser Gedanke stärkt mich gerade sehr. In meiner Vorstellung wird der Kompass zum GPS: Das Göttliche ruft uns zu „New Route“ und gibt uns Orientierung. Durch das Hinhören entstehen mehr Kraft und mehr Mut, den Weg beharrlich weiter zu verfolgen; auch und gerade dann, wenn die Angst vor der Erneuerung lauter wird, weil sich alles im Übergang befindet.
Danke – Claudia, für den Artikel und dem KDFB, dass Spiritualität uns verbindet und trägt!