Neulich bin ich auf Instagram über eine Ankündigung gestolpert: „Krafttanken für Mamas“, ein Abend von 19:00 bis 20:30 Uhr. „Eine kleine Pause für Dich! Atmen, Loslassen, Kraft sammeln.“ In kurzer Zeit könne man mit sanften Übungen wieder bei sich ankommen.

Mein erster Gedanke war: Na, ob das reicht? Kurz vor 19 Uhr hetzt man hin, um 20:30 Uhr hetzt man wieder nach Hause, und wenn man Glück hat, sind die Kinder noch wach. Meine Kinder sind inzwischen erwachsen, aber ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als sie klein waren und ich gegen 21 Uhr erschöpft auf der Couch eingeschlafen bin. Ein eineinhalbstündiger Termin zwischen Abendessen und Zubettgehen wäre für mich keine Pause gewesen, sondern ein weiterer Programmpunkt.

Ich habe den Post an meine Tochter weitergeleitet. Sie schickte mir daraufhin einen Link zu dem Buch „Achtsam geht die Welt zugrunde“.

Dazu muss ich vorausschicken: Ich mache selbst Yoga, einmal in der Woche in einer netten Gruppe und bei einer Yogalehrerin, die ich sehr schätze. Am Anfang jeder Stunde atmen wir tief ein und aus, um zur Ruhe zu kommen. Manchmal fällt dabei der Satz: „Schüttle alles ab, was dir nicht guttut“, oder die Lehrerin sagt am Schluss: „Lass alles hier, was du nicht brauchst.“ Mir tut das gut – zumal ich im wahren Leben ein sehr ungeduldiger Mensch bin, der nur schlecht zur Ruhe kommt.

Und trotzdem: Meine Sorgen über zunehmende soziale Ungerechtigkeit, den Zustand unserer Demokratie und den Klimawandel kann ich nicht wegatmen. Machen wir es uns zu einfach, wenn wir glauben, wir könnten mit Yoga und Achtsamkeitsübungen die Welt retten?

Genau diese Frage greift das Buch auf. Der provokante Titel von Kathrin Fischer wendet sich gegen die Ideologisierung eines Trends: jederzeit achtsam zu sein und sich selbst nicht unnötig stressen zu lassen. Gegen Achtsamkeit an sich habe sie nichts, sagt Fischer im Gespräch mit SWR Kultur; sie selbst mache seit Jahren Qigong. Etwas anderes sei Achtsamkeit als Ideologie – dann nämlich, wenn Ein- und Ausatmen in der konkreten Situation nicht mehr weiterhilft, sondern zur „Antwort auf alle Probleme“ wird.

Genau da liegt für mich der Unterschied. Wenn ich ruhig atme, sinkt mein Puls – die soziale Ungerechtigkeit sinkt deshalb nicht. Wenn das Atmen zur Antwort auf alles wird, dann wird aus einem gesellschaftlichen Problem mein privates. Nicht die Verhältnisse sollen sich ändern, sondern ich soll gefälligst besser mit ihnen zurechtkommen.

Wer chronisch überlastet ist, bekommt von der Krankenkasse einen Achtsamkeits- oder Entspannungskurs bezahlt. Das ist gut so. Nur ändert es nichts an dem, was die Überlastung verursacht.

Und damit bin ich wieder beim „Krafttanken für Mamas“. Auffällig viele Angebote zur Selbstfürsorge richten sich an Frauen – und zwar ausgerechnet an diejenigen, die ohnehin den größten Teil der Sorgearbeit tragen: die Kinder großziehen, Angehörige pflegen, den Haushalt organisieren, das Ehrenamt am Laufen halten, im Beruf zurückstecken und später die Rentenlücke ausbaden.

Was diese Frauen bräuchten, wäre nicht nur ein Abendtermin mit Entspannungsübungen, sondern vor allem verlässliche Betreuungszeiten, gerecht aufgeteilte Care-Arbeit zu Hause und eine auskömmliche Altersversorgung.

Der Katholische Deutsche Frauenbund setzt sich seit über 120 Jahren für die Gleichberechtigung von Frauen ein. Frauen haben sich hier zusammengetan, weil sich vieles allein nicht ändern lässt: Frauenbildung, Gleichstellung in Kirche, Gesellschaft und Politik, der Ausbau der Mütterrente, der Kampf gegen Gewalt an Frauen. All das lässt sich nicht auf der Yogamatte und auch nicht allein erreichen. Dazu braucht es Mitstreiterinnen.

Solidarität und Gerechtigkeit stehen in unserem Wertekatalog nicht zufällig neben der Spiritualität. Eva Feldmann-Wojtachnia hat uns bei der letzten Landesdelegiertenversammlung zugerufen: „Mehr Streit wagen!“ Streit kann man nicht wegatmen. Man muss sich mit ihm auseinandersetzen.

Natürlich werde ich auch in Zukunft zum Yoga gehen, weiter tief ein- und ausatmen und versuchen, alles abzuschütteln, was mir nicht guttut. Aber mir ist auch klar: Allein auf meiner Yogamatte werde ich die Welt nicht retten können.

Hinterlasse einen Kommentar

Weitere Beiträge auf dem #frauenbundblog

So viel kann ich gar nicht abschütteln

Von |Schlagwörter: , , , , , , |0 Kommentare

Neulich bin ich auf Instagram über eine Ankündigung gestolpert: „Krafttanken für Mamas“, ein Abend von 19:00 bis 20:30 Uhr. „Eine kleine Pause für Dich! Atmen, Loslassen, Kraft sammeln.“ In kurzer Zeit könne man mit sanften Übungen wieder bei sich ankommen. [...]

„Was haben wir gelacht“ (2026, Regie: Eva Müller und Isabell Schneider)

Von |Schlagwörter: , , , , , |0 Kommentare

Am vergangenen Donnerstag habe ich eine Zeitreise in meine Kindheit und Jugend gemacht: Ich habe mir im Kino den Dokumentarfilm „Was haben wir gelacht“ von Eva Müller und Isabell Schneider angeschaut. In ihm werden zahlreiche Ausschnitte aus Unterhaltungssendungen gezeigt, die [...]

Damit aus dem Weltfrauentag der Wähltfrauentag wird

Von |Schlagwörter: , , , , |0 Kommentare

Am Sonntag, 8. März 2026, ist nicht nur Weltfrauentag – in Bayern sind an diesem Tag auch Kommunalwahlen. Gerade auf kommunaler Ebene sind Frauen im Freistaat immer noch stark unterrepräsentiert: Nur rund zehn Prozent der (Ober-)Bürgermeistersessel sind mit Frauen besetzt. [...]