Meine persönliche Corona-Krise begann mit der ersten Ansage, dass die Sonntagsgottesdienste ausfallen würden. Manche Bistümer waren da schneller als die staatlichen Vorgaben. Doch Samstagnachmittags kam dann auch noch das Verbot für die Kölner Erzdiözese, mit sofortiger Wirkung, damals erst mal noch bis Karfreitag. Ich konnte und wollte es nicht fassen. Nicht nur aus alter Gewohnheit, sondern aus innerem Bedürfnis bin ich trotzdem am nächsten Morgen um 11.00 h in unsere Kirche gegangen und traf da auf Gleichgestimmte. Mittlerweile habe ich mich schon fast dran gewöhnt, doch jetzt kommt die nächste Hürde. Es beginnt die Karwoche. Die ganze Serie von Palmsonntag über Gründonnerstag, Karfreitag, vor allem die Osternacht und bis zum Emmausgottesdienst – für mich die schönsten und wichtigsten Liturgien im ganzen Jahr – alles weg? Kraft- und Glaubensquelle, nicht nur, aber gerade in schweren Zeiten. Als ich vor 10 Jahren nach einer Chemo-Behandlung wegen katastrophaler Immunwerte zu einer persönlichen Kontakt- und Ausgangssperre verdonnert werden sollte, habe ich mich gewehrt. Wann, wenn nicht jetzt soll ich denn die österlichen Geheimnisse feiern? Damals bekam ich meine Privatquarantäne versteckt hinterm Beichtstuhl. Das geht jetzt nicht. Wir sind alle betroffen. Ich trauere den ausfallenden Liturgien schon jetzt hinterher. Wann, wenn nicht jetzt, müssten wir Ostern feiern?

Ja, das können und werden wir auch. Ich will hoffen! Gerade weil alle üblichen Routinen unterbrochen sind. Krise heißt sich entscheiden, Konzentration auf das Wesentliche, neu gewichten, was wirklich wichtig ist. Die Ideen und spirituellen Vorschläge sprießen an allen Ecken. Sehr viel Gutes, Neues entsteht. Ein Graus sind mir die Fernsehgottesdienste aus leeren Kirchen, priesterzentrierte, magische Rituale statt gemeindlicher Eucharistiefeiern. (Aber immerhin haben wir jetzt eine Idee davon, wie mancher Bischof die Frage des Priestermangels mal lösen will). Wunderbar all die Ideen, die jeden einzelnen von uns befähigen, sich auf den Weg zu machen, sich selbst mit der Botschaft der Kar- und Ostergeheimnisse auseinanderzusetzen. Hauskirche zu leben,  neue Formen von Gemeinschaft auszuprobieren.

„Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung“ so Johann Baptist Metz. Manchmal braucht es auch die Unterbrechung von dem, was man für seine eigenen religiösen Grundtraditionen hielt. Eins ist sicher, die Karwoche und die Osterzeit werden ganz anders. Vielleicht eine Chance, gerade jetzt in der Unterbrechung, die Osterhoffnung zu entdecken.

3 Kommentare

  1. Karin Walter 7. April 2020 at 10:44

    „Ein Graus sind mir die Fernsehgottesdienste aus leeren Kirchen …“
    Liebe Frau Dr. Lücking-Michel, ich bin da auch ratlos. Die Eucharistie und damit Kommunion zu feiern ohne Communio/Gemeinschaft, ist schon sehr seltsam. Mein Gedanke dazu ist: Zurück zur Hauskirche, wie sie Paulus in seinen Briefen mehrfach erwähnt.
    Und gleichzeitig stellen sich mir Fragen wie: Geben die aktuellen Fernsehgottesdienste aus leeren Kirchen einen Einblick in die Kirche der – fernen? – Zukunft? Werden die Menschen nach Corona wieder „zurückkommen“? Wie viele werden es sein, die zur Zeit vielleicht merken, dass ihnen gerade eigentlich gar nichts fehlt?
    Ratlose, und doch hoffnungsvolle und herzliche Grüße
    Karin Walter

  2. Manuela Pfann 7. April 2020 at 16:20

    … ich möchte an die (teils grauseligen) Fernsehgottesdienste anknüpfen: ich habe bisher nirgendwo einen Stream einer Wort-Gottesfeier gesehen oder Beiträge, bei denen im weitesten Sinne Frauen-Liturgie im Vordergrund stand. Gibt es das tatsächlich nicht? Im Netz empfinde ich den Klerikalismus noch stärker als in der Realität.

  3. Manuela Pfann 8. April 2020 at 14:43

    … eben habe ich die Bestätigung meiner Wahrnehmung auf feinschwarz.net gelesen: Ein Beitrag darüber, weshalb Frauen vermutlich aktuell im Netz nicht zu finden sind: https://www.feinschwarz.net/frauen-wo-seid-ihr/

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