
Ältere Frauen, die mit faltigen Händen Kräuterbüschel zu Mariä Himmelfahrt binden – dieses Bild hatte ich lange Zeit vor Augen, wenn ich an den „Katholischen Deutschen Frauenbund“ gedacht habe. Ich hatte ehrlicherweise aber keine Berührungspunkte mit diesem Verband und hatte keine Ahnung, was die tatsächlich so machten. Das hat sich erst geändert, als ich vor knapp zehn Jahren begonnen habe, bei der Kirche zu arbeiten. Die Frauen vom KDFB und der Landfrauenvereinigung haben ihr Büro im Gebäude gegenüber unseres katholischen Medienhauses in Stuttgart. Immer mal wieder sind wir uns also begegnet und wenn es zum Weltgebetstag der Frauen eine Presseanfrage gab, dann wusste ich wen ich anrufen musste, um die richtigen Informationen zu bekommen. Erst 2017 hat der Frauenbund dann meine volle Aufmerksamkeit gewonnen: In diesem Jahr feierte unser Diözesanverband sein 100-jähriges Bestehen und ich habe, damals als Pressereferentin der Diözese, bei der Formulierung der Pressemitteilung unterstützt. Und war total erstaunt, mit welchen Themen der KDFB sich beschäftigt und welche Persönlichkeiten zu den Gründerinnen des ersten Zweigvereins 1917 in Stuttgart gehörten. Da ging es um Politik und Bildung, um soziales Engagement und seit Ende der 90er Jahre um den Einsatz für den Diakonat der Frau – und seither immer stärker um gleiche Würde und gleiche Rechte für Frauen in der katholischen Kirche. Ich habe mit großer Anerkennung festgestellt: Da ist so viel mehr als Kräuterbüschelbinden!
Durch diesen Frauenbund habe ich einen ganz anderen Blick auf „meine“ katholische Kirche bekommen. Und als sich dann Maria 2.0 vor drei Jahren formiert hat und ich die ersten Frauen-Gottesdienste in Stuttgart miterlebt habe, stand für mich fest: Zu diesen Frauen möchte ich auch gehören! Vor zwei Jahren bin ich Mitglied im KDFB geworden und bin immer wieder neu begeistert über das Engagement der Frauen, denen ich dort begegne. Deren theologische Expertise und die Einordnung biblischer Frauenfiguren in den historischen Kontext haben mir zudem in den vergangenen Jahren einen ganz neuen Horizont eröffnet.
Deshalb habe ich meine heutigen Abendgedanken an Mariä Himmelfahrt in SWR4 dem Frauenbund und den Kräuterbüscheln gewidmet:
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Seit heute hängt wieder ein Kräuterstrauß in meiner Küche. Kopfüber an der Decke. Damit er trocknet und lange hält. Dass dieser Strauß da hängt, hat mit dem heutigen Tag zu tun, mit Mariä Himmelfahrt: Jedes Jahr am 15. August gibt es in der katholischen Kirche den Brauch der Kräuterweihe. Unterschiedliche Kräuter werden zu Sträußen gebunden und dann im Gottesdienst gesegnet. Diese Kräuterweihe geht auf eine Legende zurück: Als die Jünger von Jesus das Grab seiner Mutter Maria geöffnet hatten, haben sie dort, anstatt ihres Leichnams, Blüten und Kräuter gefunden.
Der Kräuterbüschel in meiner Küche besteht aus sieben Kräutern. So viele müssen es mindestens sein. Sie stehen symbolisch für die sieben Schöpfungstage. Salbei ist mit dabei, eine Rose und eine Getreideähre. Der katholische Frauenbund hat die Kräutersträuße gebunden. Das ist Tradition hier am Ort. Die Frauen stehen am Abend vor Mariä Himmelfahrt vor der Kirche, mit einem großen Waschkorb voll wunderbar duftender und bunter Sträuße. Sie haben damit meine Vorstellung vom Frauenbund bestätigt: überwiegend ältere Frauen, die fromme Bräuche und Traditionen pflegen und Maria verehren. Für mich war das vor vielen Jahren die erste Begegnung mit dem Frauenbund.
Vor zwei Jahren bin ich Mitglied in diesem Verband geworden. Weil ich von den Frauen so viel gelernt habe und von ihrem Engagement begeistert bin. Ich habe erfahren, dass Frauen eine große Tradition in der Urkirche haben. Sie haben Jesus unterstützt und haben Führungsrollen in den ersten Gemeinden übernommen. Es gab Frauen unter den Aposteln und die erste Christin in Europa ist eine Frau gewesen. In der Bibel ist von alldem aber nur wenig zu lesen.
Der Frauenbund setzt sich seit vielen Jahrzehnten dafür eine, dass Männer und Frauen gleichberechtigt Verantwortung in der Kirche und in der Gesellschaft übernehmen. Ich finde das richtig und wichtig. Denn alle sind mit derselben Würde ausgestattet. So hat Jesus das schon zu seiner Zeit gesehen: Er ist mit Frauen ganz normal umgegangen, er hat sie ernst genommen und ihnen oft bewusst einen besonderen Platz gegeben. Mir fällt da vor allem Maria Magdalena ein. Von ihr wird berichtet, dass sie ihm nach der Auferstehung als erste begegnet ist. Ich finde: das ist doch der beste Beweis und die beste Voraussetzung für eine geschlechtergerechte Kirche.
Mein Kräuterstrauß zu Mariä Himmelfahrt ist für mich daher längst kein frommes Symbol mehr. Dieser volkstümliche Brauch erinnert mich vielmehr daran, dass wir Frauen selbstbewusst sein können und selbstverständlich einen Platz in der Kirche haben. Dieser schöne und wohlriechende Büschel an meiner Decke, das ist für mich der Duft der starken Frauen – in der Urkirche und heute.
Nachzuhören hier: https://www.kirche-im-swr.de/beitraege/?sendung=15
Alle Beiträge ansehenJournalistin, Patchwork-Mama und Öffentlichkeitsreferentin beim KDFB Rottenburg-Stuttgart - In der Corona-Zeit bin ich über Nacht wieder zur Vollzeit-Mama geworden und versuche Haushalt, Homeoffice und Hausaufgaben zu managen. Zwischendurch gibt’s Unterstützung durch meinem Partner - als Mediziner ist seine Anwesenheit in diesen Tagen aber noch ein bisschen unplanbarer als zuvor. Das, was mich bewegt in dieser neuen Zeit, möchte ich teilen; denn teilen heißt: sich näherkommen, einander begegnen. Das braucht es in diesen Tagen vielleicht mehr denn je.
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