
„Lieblingsort, Du fehlst mir“. Einen Sticker mit diesen Worten habe ich im Osterumschlag der beymeister gefunden. Die beymeister, das ist Kirche. Aber irgendwie anders. Wegbegleitung in einem Ladenlokal in Köln. Ich war noch nie dort; ich lese online mit, was dort geschieht, staune und lerne. Und wünschte mir so einen Ort auch in meiner Nähe. Jedenfalls habe ich mich riesig gefreut über Osterpost mit liebevoll verpackten und beschrifteten Umschlägen von Gründonnerstag bis Ostermontag. Und es war bisher das drin, was ich gehofft hatte: kleine Texte, die keinen pastoralen Ton haben. Die vom Jetzt erzählen. Und einfache Ideen, Symbolisches zu tun. Ein Brotback-Rezept an Gründonnerstag, ein schwarzes Papier an Karfreitag; um einen abgestorbenen Baum auszureißen. Um dem Schmerz im Leben immer wieder Raum zu geben.
Und dann habe ich am Gründonnerstag tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben ein Brot selbst gebacken. Auch noch unter der erschwerten Bedingung „glutenfrei“. Wir waren alle Vier den ganzen Tag ums Haus rum, haben im Garten gearbeitet, sind einkaufen und radeln gegangen – und haben uns dann um acht zum Abendbrot verabredet. Das Diensttelefon meines Partners blieb den ganzen Tag still, fast ein Wunder. Vorsichtig hatte ich in den vergangenen Tagen die Kinder gefragt, ob ich Lieder und Texte vorbereiten soll und wir kleine Gottesdienste zuhause feiern sollen. Vorlagen sind im Netz ja reichlich zu finden. Die Reaktion war eindeutig: einmal Augenverdrehen, einmal „ne, lass mal“. Ich hatte eigentlich damit gerechnet. Und wenn ich ganz ehrlich bin: ich hätte mich dabei auch nicht wohl gefühlt. Das ist nicht meine Rolle, liturgische Elemente an den Esstisch zu übertragen. Selbst ein Tischgebet ist aktuell schwierig, das machen wir nur in der großen Runde mit Oma und Opa. Ich habe in diesen Tagen vor allem das Bedürfnis, die Heiligen Tage nicht einfach so vorübergehen zu lassen. Ohne Unterschied. Nur wie?
Wir haben einen Gründonnerstag-Abend erlebt, den ich nie so hätte planen können: Wir saßen am schön gedeckten Tisch, eine Kerze in der Mitte. Während die Kinder im wahrsten Sinne des Wortes über das frisch gebackene Brot hergefallen sind und mein Partner uns einen guten Wein aufgemacht hat, habe ich aus dem beymeister-Text ein paar Zeilen gelesen: „Der Gründonnerstag ist eigentlich gar nicht grün. Er erzählt vom Weinen. … Beweint wird heute das nie alt werdende Gefühl, dass Freundschaft verraten werden kann, Menschen sich gegenseitig verletzten, die Welt einfach nicht ohne Schmerz auskommt und man manchmal auch mit seinen Feinden am Tisch sitzt. Und dann gab es da jemand, der mit Liebe diesen schmerzerfüllten Kreislauf unterbrechen wollte. Und das tat.“
Und dann waren wir im Gespräch. Über den historischen Gründonnerstag, über die Bedeutung von „grün“, über das katholische und evangelische Verständnis von Eucharistie und Abendmahl. Warum Jesus so anders war. Und dass wir an Karfreitag zusammen den Papst-Film von Wim Wenders anschauen wollen. Für Geschichtliches lassen sich die Kinder durchaus begeistern; nur keine pastoralen Sätze. Kein pauschales „Gott liebt Dich, er kennt dich“.
Ich hatte den ganzen Tag überlegt, wo ich diesen Sticker „Lieblingsort, Du fehlst mir“ hinkleben würde, wenn auch nur virtuell. Mir war nichts eingefallen. Es gibt keinen Ort, den ich vermisse. Es gibt Sehnsuchtsorte, aber das ist etwas anderes.
Am Ende des Abends war die Frage beantwortet: Dieser Gründonnerstag bei uns zuhause, alle gemeinsam am Tisch – das war ein echter Lieblingsort, gänzlich unerwartet.
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Ich habe mich sehr über diesen Text gefreut. Besonders angesprochen hat mich das Unverhoffte, Ungeplante, dem wir in unserem Leben viel mehr Platz einräumen sollten. Aber auch der „pastorale Ton“, der Abwehr erzeugt, ist mir wohl vertraut und begegnet mir leider viel zu häufig. Schon mein Leben lang frage ich mich, wo kommt er her und wo will er hin und warum reagiere ich darauf so allergisch.