
Silvester 2025 – Wir sitzen in einer Runde liebgewonnener Freund*innen und lassen das vergangene Jahr Revue passieren. Mein Resümee ist objektiv betrachtet eigentlich positiv, 2025 meinte es augenscheinlich gut mit mir. Schöner Urlaub mit den Kindern, herzliche Momente mit Familie und Freund*innen, ein sinnstiftender Job mit lieben Kolleginnen. Das erste Mal den Halbmarathon gelaufen, viel gelacht, viel gefeiert, Freiheit ausgekostet. Doch sieht es sonst noch jemand? Sonne und Farben haben seit geraumer Zeit an Leuchtkraft verloren…
Denn was nicht offensichtlich und nur bei genauem Hinsehen zu erkennen ist: Ein Bein ziehe ich nach. Das hinkende Bein ist für mich zum Synonym geworden für einen tiefen Schmerz, den meine beiden Söhne und ich ein Leben lang mit uns tragen werden. Seit mein Mann vor über vier Jahren plötzlich gestorben ist und unsere Welt, unser Leben und all unsere Perspektiven und Träume ins Wanken geraten sind. Unser Leben gestaltet sich nun als ein fragiles Gebilde, echte Unbeschwert- und Ausgelassenheit haben sich aus unserem Repertoire verabschiedet. Verlässlichkeit? Was ist noch verlässlich…? Jeder glückliche Moment kann sofort wieder vorbei sein. Dieses hinkende Bein macht das Leben zu einem Kraftakt. Es ist immer da – gemeinsam mit so vielen Erinnerungen, Sehnsüchten und Unwiederbringlichem. Vorankommen erfordert so viel Energie, ein stechender Schmerz und resultierender Sturz kommen immer unerwartet, ganz gleich, ob der Weg gerade flach oder hügelig ist.
Zurück zum Resümee: Denn dann war da noch Ende des Jahres die Einladung zur ARD Arena und die Gelegenheit, unserem Bundeskanzler, aber vor allem allen Menschen vor den Bildschirmen, über einen Missstand zu berichten, der den meisten vollkommen unbekannt ist. Und einer Hinterbliebenen neben der schweren Last des Verlustes zusätzlich existenzielle Ängste aufbürdet: die absurden Regelungen zur Hinterbliebenenversorgung – landläufig bekannt als Witwenrente. Die Tatsache, dass ich nur einen bestimmten Betrag durch eigene Erwerbsarbeit verdienen darf, bevor die Hinterbliebenenversorgung auf der anderen Seite gekürzt wird, hat mich anfangs nur fassungslos dastehen lassen. Immer klarer wurde mir die Perspektivlosigkeit in unserer Situation. Können wir in der Wohnung und damit in unserem sozialen Umfeld bleiben? Kann ich den Kindern Musikunterricht und Sportverein finanzieren? Wo kann ich unseren Lebensstandard runterschrauben, ohne den Kindern das Gefühl zu geben, nun mit dem Papa auch noch unser sonstiges Leben – unsere Ankerpunkte – zu verlieren? Und das war es also auch mit meiner beruflichen Laufbahn – mit Anfang 40? Was bringt es mir, mich weiterzuentwickeln, wenn ich monetär nicht davon profitiere? Und wie zur Hölle kann ich das alles schaffen, was wir zuvor zu zweit geleistet haben, ohne selbst zu zerbrechen? Trauer, Überforderung und existenzielle Gegenwarts- und Zukunftsängste schlagen in dem Moment unerbittlich zu, in dem du eigentlich den größten Halt benötigst.
Es ist ein solcher Irrsinn: Vor allem jung Verwitwete sind oft gezwungen und zugleich aber auch gewillt, das Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen, um es vor allem für die Kinder zu meistern. Und genau da werden Hinterbliebene ausgebremst, zurückgelassen und in ihrer Misere verhaftet. Viele wählen aus dem Grund den Weg, kaum oder gar nicht mehr zu arbeiten – der direkte Weg in die Altersarmut. Dem Staat entgehen Steuerzahler*innen und Fachkräfte. Statt Arbeitsanreize zu schaffen, werden sie im Keim erstickt, mehr noch: Der Staat macht Hinterbliebene selbst zu Sozialhilfeempfängern im Alter. Denn die Hinterbliebenenversorgung an sich ist keine Sozialleistung, es ist vielmehr eine zustehende Versicherungsleistung, die der Staat wagt, anzufassen, obwohl sie selbst erwirtschaftet wurde! Und wäre das nicht schon skurril genug, kostet die Einhaltung der sogenannten Hinzuverdienstgrenze den Staat und damit alle Bürger*innen ein Vielfaches von dem, was durch die Kürzungen der Hinterbliebenenrente eingespart werden soll. Die Überprüfung der Gehaltsabrechnungen, Neuberechnungen und Rückzahlungsforderungen bedeuten einen unsäglichen Bürokratieaufwand. Ein Verlustgeschäft auf allen Seiten. „Und das in Deutschland?“, höre ich immer aus ungläubigen Gesichtern. Ja, das ist in Deutschland gelebte Realität von rund 1,2 Millionen Hinterbliebenen im erwerbsfähigen Alter.
Warum das alles niemand weiß? Wer möchte sich schon gedanklich mit diesen Ängsten auseinandersetzen, dieses Risiko für das eigene Leben betrachten. Und wer sollte sich schon politisch für Hinterbliebene einsetzen? Betroffene sind meist am Ende ihrer Kräfte – das System zu verstehen, ist bereits eine enorme Herausforderung, es gibt keinerlei etablierte und kompetente Beratungsangebote für Menschen in unserer Situation – zu kompliziert, zu komplex… Und unterm Strich sind wir doch wieder eine nicht gesehene Randgruppe, obwohl alle Bürger*innen dafür zahlen.
Umso dankbarer bin ich einer sehr starken Frau: Inga Krauss. Selbst jung verwitwet und die politische Stimme der Hinterbliebenen in Deutschland. Mit ihrer Initiative „Gerechte HinterbliebenenRente“ ist es ihr gelungen, zahlreichen Witwen und Witwern eine Plattform zu geben. Und eine Stimme. Immer wieder startet sie neue Petitionen, ruft zu Beteiligung auf, informiert, berät und schreibt Bücher. Und auch in einer ihrer Gruppen bin ich auf die Sendung ARD Arena aufmerksam geworden, bei der wir uns zahlreich beworben haben. Als eine von drei Witwen aus der Gruppe durfte ich dabei sein und stellvertretend für so viele gehört werden. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem wir eine reelle Chance haben. Bis Juni dieses Jahres arbeitet eine Kommission an Ideen einer umfassenden Rentenreform. Das Thema Hinterbliebenenversorgung stehe dort auch auf der Agenda, so Friedrich Merz auf meine Frage hin, und da nehme ich den Bundeskanzler beim Wort.
Und was macht das alles mit mir? Viel! Als Kommunikationsfachfrau arbeite ich gerne im Hintergrund. Bereite eine Bühne für Personen, Themen, Diskussionen und Ideen. Doch selbst im Rampenlicht stehen? Das ist mir unangenehm. Sehr. Hashtag SeiDeineEigeneLobby, Sensibilisierung der Öffentlichkeit, Storytelling – berufsbedingt kenne ich die Hebel und Schalter, weiß, was es braucht. Aber mittendrin? Eine „Witfluencerin“? So weit wird es nicht kommen, auch wenn ich über die Idee an besagtem Silvesterabend herzlich lachen musste. Genau genommen manövriere ich mich mit öffentlich wahrnehmbarer Stimme zu dem Thema genau in das Bild, aus dem ich mich seit ein paar Jahren befreien möchte – ich möchte nicht nur noch gesehen werden als Anne, deren Mann gestorben ist. Ich versuche vielmehr, herauszufinden und herauszuarbeiten, wer ich bin, ohne diesen fabelhaften Menschen, der beinahe 20 Jahre an meiner Seite war. Es ist ein anstrengender, aber auch interessanter Prozess.
Aber ich nehme es wie so vieles in den letzten Jahren: Hilft ja nix! Es ist Zeit, die Komfortzone zu verlassen und Gelegenheiten zu nutzen, meine Stimme zu erheben. Für meine Kinder und für mich. Gemeinsam mit vielen anderen Hinterbliebenen. Mit dem Wissen, neben Familie und Freund*innen mit dem KDFB auch einen starken Verband in meinem Rücken zu haben. Und mit der Erkenntnis, dass es sich auch mit einem hinkenden Bein tanzen lässt, es braucht nur etwas Übung. In diesem Sinne: 2026, ich freue mich auf dich!
Links:
- ARD Arena in der ARD Mediathek (ab Minute 29)
- Meldung „Anne Rauen thematisiert Hinterbliebenenversorgung in der ARD-Arena“ auf frauenbund.de
- Hintergrundinformationen zur Hinterbliebenenversorgung im Factsheet „Kurz & Knapp“ des KDFB
- Initiative „Gerechte HinterbliebenenRente“ auf Facebook um Inga Krauss, sowie die Website
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Du sprichst mir aus der Seele! Treffender kann man es nicht formulieren. Plötzlich alleine dazustehen – besonders in jungen Jahren – ist eine so grosse Herausforderung, wobei persönliche und finanzielle Dinge sich vermischen, da die Bereiche stark miteinander verwoben sind. Die Hinzuverdienstgrenze ist dabei ein riesiges Problem! Damit wir gesehen werden brauchen wir Witfluencerinnen;) wie Dich! Danke für Deinen Mut!
Liebe Frau Rauen,
danke für diesen so authentischen und berührenden Beitrag! Ich bin wirklich fassungslos, welche Hürden Sie zusätzlich zu Ihrem unermesslichen persönlichen Verlust meistern mussten! Es ist so wichtig, dass sich Menschen wie Sie in die Öffentlichkeit wagen und diesem Thema eine Stimme und damit Gewicht geben. Ich jedenfalls werde diese Facette der Rentengerechtigkeit nicht mehr aus dem Auge verlieren. Ihnen wünsche ich ein glückliches Jahr 2026 mit viel Rückhalt und genügend Gelegenheiten zum Tanz!
Herzliche Grüße, Claudia Schmidt