
An Tagen wie diesen wünschte ich mir, ich könnte meine Corona-Familien-Klause tauschen. Gegen eine echte Klause. So eine, wie die von Maria Anna. Mit der Eremitin habe ich vor ein paar Tagen telefoniert und ein Interview für Kirche im SWR aufgezeichnet, an dem ich gerade versuche zu arbeiten.
Dieser Tag heute ist einer von nun bald 365 Corona-Tagen. Einer, wie ihn so viele Familien im ganzen Land täglich erleben.
Es ist Freitagvormittag. Ich habe schon die Hasen gefüttert, neben dem Kaffee die aktuelle Kirchenzeitung durchgeblättert und einen Blick auf katholisch.de geworfen. Jetzt sitze ich am Rechner. Auch die Kinder sind online. Meinem Sohn habe ich im Sommer einen Laptop gekauft, er fand’s klasse, jetzt muss er nicht mehr am Handy „gamen“. Ohne Corona hätte er mit 12 Jahren sicher keinen Laptop bekommen.
Zweite Stunde, Mathe. Mein Sohn ruft mich von nebenan aus seinem Zimmer. Ich solle reinschauen in die Videokonferenz, sie hätten jetzt einen neuen Referendar. „Cool“ ist sein Kommentar, und wir stellen beide fest, dass es der erste farbige Lehrer ist, den meine Kinder je hatten. (Eigentlich sollte das nichts Besonderes mehr sein, ist es aber einfach doch.) Ich bin froh, dass der Video-Unterricht bei beiden Kindern ganz gut läuft. Das trifft auf die Hausaufgaben weniger zu. Bei meinem Sohn jedenfalls. Er bewegt sich zwischen „ich hab keinen Bock“, „ich hab’s nicht mitbekommen“ und „ich hab’s vergessen abzuschicken“. Meine Einmischung lehnt er konsequent ab. In Musik gab´s letzte Woche eine Strafarbeit fürs dritte Mal Hausi vergessen. Ich habe mich ziemlich aufgeregt – ihm war es vollkommen egal.
Ich schreibe Büro-Mails, telefoniere und verfolge nebenher den Stream des Synodalen Wegs. Zwischendrin meldet sich meine Tochter von oben. 10. Klasse, fast alle 38-Wochen-Stunden werden auch online unterrichtet, dazu ordentlich Hausaufgaben – sie verbringt fast den ganzen Tag in ihrem Zimmer. Ob ich ihr bei PowerPoint helfen könne. Klar, kann ich. Dann schellt das Telefon. Mein Lebensgefährte aus der Klinik meldet sich. Vor zwei Tagen habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Ob ich kurz Zeit habe. Er will nur schnell erzählen wie die Situation auf Station ist. Sie ist besser als letzte Woche. Da sind zwei Corona-Patienten gestorben, die er über viele Wochen begleitet hat. Noch ist er nicht geimpft. Diese latente Angst, dass er sich infiziert, versuche ich regelmäßig zu verdrängen.
Wenig später klingelt mein Handy, mein großer Sohn. Er wohnt bei seinem Papa. Gerade hat er das Zeugnis aus dem Briefkasten geholt und hat ziemlich Frust. Nicht wegen der Noten; in drei Monaten schreibt er sein Abi, seit Mitte Dezember hat er die Schule nicht mehr betreten, er findet nichts Positives in diesem letzten Schuljahr. Ich kann’s verstehen und versuche ihn immer wieder zum Durchhalten zu motivieren.
Um 14 Uhr steht der Milchreis auf dem Tisch, meine Tochter hat gekocht. Die Kühlschrank-Vorräte waren erschöpft. Ich bringe sie anschließend zur S-Bahn, genehmigtes Fußball-Einzeltraining. Bis zum Stadion braucht sie über eine Stunde. Auf halbem Weg fällt die S-Bahn aus. Wir whatsAppen, telefonieren und suchen Ersatzverbindungen. Und dann der erleichternde Anruf: Mein Partner hat Dienstschluss, sammelt sie auf dem Heimweg ein und bringt sie zum Training.
Neben all dem ist meine Arbeit heute fast komplett liegen geblieben. Den Live-Stream vom Synodalen Weg schaue ich mir in der Aufzeichnung an. Eigentlich wollte ich noch am Konzept für ein neues Buch arbeiten, mein Chef braucht es bis Anfang nächster Woche, aber das ist heute nicht mehr drin. Ich hab ja noch das Wochenende. 😊
An Tagen wie diesen stelle ich mir also vor, ich könnte meine Corona-Familien-Klause mit Maria Anna tauschen. Von ihrer Einsiedelei in der Nähe von Osnabrück sind es in jede Himmelsrichtung gute fünf Kilometer bis zum nächsten Hof. Zu ihrer Klause führt ein momentan gerade ziemlich matschiger Feldweg. Nur ein paar Tage dort untertauchen. Kurz-Zeit-Eremitin sein! Klausen-Tausch! Kein Computer, kein Handy, keine Hausaufgaben. Kein Familien-Wocheneinkauf, keine Essensdiskussionen. Kein Nachdenken über den Sinn von allem. Kein ständiges Unterbrechen und unterbrochen werden.
Im Winter, also jetzt, schläft Maria Anna eine Stunde länger und steht um 7 Uhr auf, so hat sie es mir erzählt. Direkt nach dem Aufstehen geht sie in ihre Klausenkapelle und beginnt den Tag mit einem Gebet. Anschließend füttert sie ihre Ziegen. Und diese Struktur zieht sich dann durch den ganzen Tag – Gebet und Arbeit immer im Wechsel.
Ich glaube, das würde ich hinbekommen. Auf die Ziegen würde ich mich freuen, was soviel Gebets-Zeit mit mir machen würde, darauf wäre ich neugierig. Was mir ein wenig Sorgen bereiten würde, wenn ich an die Einsiedelei denke, ist lediglich: Ist es da warm genug? Das windschiefe rote Ziegelsteinhaus am Feldrand sieht nämlich nicht sehr kuschelig aus. Es gibt keine Zentralheizung, nur einen Ofen; Gebäude samt Stall und Scheune sind mehr als 100 Jahre alt. Die Ruhe aber würde ich sehr genießen. Und die Möglichkeit, einen Gedanken zu Ende denken zu können, mal wieder ein ganzes Buch am Stück zu lesen. Und vor allem: Einmal wieder nur für mich verantwortlich sein zu dürfen. Und natürlich für die Ziegen.
Trotzdem bleibe ich natürlich hier, in meiner Familien-Klause. Jammern will ich nicht. Nach ein bisschen klagen ab und zu wäre es mir aber schon. Zumindest sagen zu dürfen, dass ich zwischendurch erschöpft bin … und trotzdem gleichzeitig dankbar sein zu können, das schließt sich meiner Meinung nach nicht aus! Dankbar und zufrieden, dass wir gesund geblieben sind, dass wir keine finanziellen Sorgen haben, dass ich daran glauben kann, dass eine andere Welt möglich ist. Dankbar, dass wir alles immer wieder schaffen. Und sei es manchmal mithilfe eines wohltuenden Gedankens an eine einsame Klause weit weg.
Alle Beiträge ansehenJournalistin, Patchwork-Mama und Öffentlichkeitsreferentin beim KDFB Rottenburg-Stuttgart - In der Corona-Zeit bin ich über Nacht wieder zur Vollzeit-Mama geworden und versuche Haushalt, Homeoffice und Hausaufgaben zu managen. Zwischendurch gibt’s Unterstützung durch meinem Partner - als Mediziner ist seine Anwesenheit in diesen Tagen aber noch ein bisschen unplanbarer als zuvor. Das, was mich bewegt in dieser neuen Zeit, möchte ich teilen; denn teilen heißt: sich näherkommen, einander begegnen. Das braucht es in diesen Tagen vielleicht mehr denn je.
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