
Dr. Paulina Hauser schreibt:
100 Tage im Amt – nicht nur der neue Bundeskanzler Friedrich Merz und seine Regierung blicken auf ihre ersten hundert Tage zurück, sondern fast zeitgleich wurde auch Papst Leo XIV. zum neuen Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit führte eine der ersten Auslandsreisen den Kanzler zur feierlichen Amtseinführung des neuen Papstes am 18. Mai 2025 nach Rom. Fünf ehrenamtlich engagierte Menschen wurden eingeladen, Teil seiner Delegation zu sein – eine davon war ich.
Die Einladung war ein besonderes Zeichen der Wertschätzung für das vielfältige Engagement, das besonders im kirchlichen Raum geleistet wird. Ermöglichungsräume und Gelegenheitsstrukturen[1], wie sie die Vielfalt kirchlichen Engagements in (Jugend-)Verbänden, Caritas-Diensten und Kirchengemeinden in der Fläche bieten, sind bedeutende Ressourcen für eine starke Gesellschaft, die Generationen und Milieus verbindet. Mit der Einführung des Amtes der Staatsministerin für Sport und Ehrenamt direkt im Bundeskanzleramt wird die Bedeutung des freiwilligen Engagements ebenfalls unterstrichen. Ob es bei symbolischen Handlungen bleibt oder die passenden Rahmenbedingungen für freiwilliges Engagement geschaffen werden, muss sich noch zeigen. Die Forderung nach längeren Erwerbs-Arbeitszeiten wirken der Stärkung des freiwilligen Engagement entgegen, denn Ehrenamt muss mit Beruf, Privatleben und Sorgearbeit vereinbar bleiben.
Die Amtseinführung selbst war für mich ein bewegender Moment. Als offizielle Delegation konnten wir sie aus nächster Nähe miterleben. Besonders in Erinnerung sind mir dabei zwei Augenblicke geblieben: Zum einen der lange, nachdenkliche Blick des Papstes auf den Fischerring. Ein Moment, in dem er zu spüren scheint, welche Verantwortung er von nun an trägt, in wessen Dienst er einmal mehr steht. Zum anderen die vielen Bezüge, die Leo immer wieder zu Papst Franziskus herstellt: in der namentlichen Erwähnung, in der Wortwahl, in der Themensetzung. Die Gläubigen auf dem Petersplatz und entlang der Via della Conciliazione reagierten mit spontanem Applaus und Zurufen. Es wird deutlich: Papst Leo, der in der Wahl seiner Kleidung und mancher liturgischer Formen an traditionellere Vorgänger anschließt, will das Erbe von Franziskus fortführen. Und viele der rund 200.000 Anwesenden unterstützen ihn in diesem Anliegen.
Ich hoffe, dass Papst Leo das Programm, das er in den ersten einhundert Tagen seines Pontifikats in den Mittelpunkt gestellt hat, in den kommenden Jahren (vielleicht sogar Jahrzehnten) mit Demut und Freude verwirklichen kann: für den Frieden, für die sog. Armen, für eine Einheit, die Unterschiedlichkeit respektiert, und für eine synodale Kirche, die stets das Gespräch mit Menschen anderer religiöser und weltanschaulicher Überzeugungen sucht.
Unmittelbar nach der Amtseinführung habe ich eine Gruppe von Mitarbeitenden aus einem katholischen Krankenhaus für einige Tage in Assisi begleitet. Dort bin ich auf einen Weggefährten und Beichtvater des Heiligen Franziskus getroffen: Bruder Leo. In einem Brief an Bruder Leo rät der Heilige Franziskus ihm: „Auf welche Weise auch immer es dir besser erscheint, Gott, dem Herrn, zu gefallen und seinen Fußspuren und seiner Armut zu folgen, so tut es mit dem Segen Gottes, des Herrn, und mit dem Gehorsam gegen mich.“[2] Ob Prevost bei seiner Namenswahl nicht nur an Leo XIII., sondern auch an Leo von Assisi dachte, ist mir nicht bekannt. Das, was Papst Leo in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit jedoch an Signalen sendet, spricht sehr dafür, dass er das Erbe von Franziskus weiterführen wird. Wenn auch auf seine Weise.
[1] Vgl. EKD (Hg.) Wie hältst du’s mit der Kirche? Zur Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft. Erste Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, Leipzig 2023. (Online)

Dr. Paulina Hauser hat von 2013-2018 Theologie und Wirtschaft (BA, MA) in Erfurt und Rom studiert. Ihre Promotion in der christlichen Sozialethik und Sozialwissenschaft (Dr. theol.) zum Thema Menschenrechtsverletzungen an Frauen wurde 2023 von der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Erfurt angenommen und mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Von 2018-2023 war P. Hauser Referentin für Weltkirche im Bistum Fulda und arbeitet seit Juli 2023 als persönliche Referentin der Präsidentin des Deutschen Caritasverbands. Als „junge Synodale“ wirkte sie für die Gruppe der Ministrant:innen und jungen Menschen ohne Verband beim Synodalen Weg mit.
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