
Paris-Reise des KDFB Rottenburg-Stuttgart, Teil 2.
Der zweite Tag unserer Paris-Reise beginnt. Wir lernen, den Frühstückskaffee aus riesigen Müslischüsseln zu trinken. Und gewöhnen uns an das tägliche Baguette mit Marmelade.
Heute nehmen wir Ivry in den Blick, den Ort, an dem Madeleine Delbrêl viele Jahre gelebt hat. Sie schreibt darüber: „Ich war nach Ivry gekommen, weil eine ganze Reihe von Umständen dafür gesorgt hatte, dass ich genau hier leben sollte – und auch dafür, wie dieses Leben aussah. Wir waren zu dritt, und wir hatten fast keine Pläne. Was wir suchten, was ich wollte, war die Freiheit, in Tuchfühlung mit den Männern und Frauen der ganzen Erde und mit meinen jeweils gegebenen Nachbarn und Nachbarinnen zu leben – die Jahre unserer gleichen Kalender und die Stunden unserer gleichen Uhren hindurch.“
Als wir mit der Metro in Ivry ankommen, zeigt sich gleich der Unterschied zu Paris. Hier stehen keine eleganten Häuser mit noblen Geschäften. Stattdessen ragen zwischen den vielen Autos Beton-Hochhäuser in den Himmel. Die Menschen wirken geschäftig, die Läden sind ohne Charme.
Wir suchen das Haus Madeine Delbrêls in der 11 rue raspail. Hier hat sie mit ihrer kleinen Gemeinschaft gewohnt. Am grünen Tor betätigen wir die Klingel, und Jean-Christophe und Marie-Noël, ein freundliches Ehepaar, lassen uns ein. Wir treten über die Schwelle und befinden uns in einem Garten, der einer Oase gleicht. Beete mit Blumen, Kräutern und Tomaten sind liebevoll angelegt. Dazwischen sehen wir große Bildtafeln, auf denen uns Madeleine entgegenlächelt.
Alles hier ist gastfreundlich und entspannt. Wir werden zu Kaffee und Tee eingeladen. Dann hören wir Details aus Madeleines Lebensgeschichte. Hier in Ivry wird alles lebendig für uns. Auch ein Film bringt uns die Gedanken von Madeleine näher. Dann löchern wir Jean-Christophe mit Fragen. Er antwortet geduldig und ausführlich. Silke kommt mit dem Übersetzen kaum nach.
Als wir uns schließlich im Haus umsehen und Madeleines Zimmer besichtigen dürfen, bin ich tief berührt. Alles steht noch da wie einst. Ihre Brille liegt auf dem großen ovalen Tisch, der mit Landkarten beklebt ist. Die Zigarette im Aschenbecher, die Bücher, Hefte und Stifte erwecken den Eindruck, als sei Madeleine nur kurz aus dem Zimmer gegangen. Hier hat sie gelebt, denke ich, diese tiefsinnige, großherzige, charismatische Frau, hier hat sie gegessen, gebetet, gelacht, geschlafen… Wir sind ihr nahe, das ist spürbar.
Wir holen uns ein Mittagessen auf die Hand und dürfen im Garten picknicken. Dann begleitet uns Jean-Christophe in die Kirche. Wir halten eine Andacht und singen Taize-Lieder. Am Ende gehen wir zu Madeleines schlichtem Grab. Es liegt auf einem großen Friedhof, versteckt zwischen Hunderten anderen Gräbern. So war Madeleine Delbrêl: Sie wollte nie etwas Besonderes sein, wollte nicht auffallen, sondern so sein wie alle anderen Menschen in Ivry.
An diesem Abend weiß ich, dass der Tag noch lange in mir nachklingen wird. Er war ganz besonders. Jean-Christophe und Marie-Noël haben uns beherbergt, begleitet, uns Zeit, Raum und Zuwendung geschenkt. Ganz unauffällig, ganz unaufdringlich, aber überaus liebevoll und herzlich. Madeleines Geist ist immer noch hier, in der rue raspail in Ivry.
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