
Ein Freund hat mir ein Video geschickt. Es zeigt die Predigt der Bischöfin Mariann Budde im Amtseinführungsgottesdienst von Donald Trump. Ernst, besonnen, ruhig und wahrhaftig spricht diese mutige Frau den Präsidenten direkt an und sagt: „Im Namen unseres Gottes bitte ich Sie: Haben Sie Erbarmen mit den Menschen in unserem Land, die jetzt Angst haben. (…) Unser Gott lehrt uns, dass wir Fremden gegenüber barmherzig sein sollen. (…) Möge Gott uns die Kraft und den Mut geben, die Würde jedes Menschen zu achten, einander in Liebe die Wahrheit zu sagen und demütig miteinander und mit unserem Gott zum Wohle aller Menschen zu leben, in dieser Nation und auf der Welt.“
Was für eine eindringliche Botschaft an jenen Mann, der in seiner Antrittsrede angekündigt hat, „Millionen und Abermillionen“ irregulärer Migranten abzuschieben, und der sich zugleich selbst als Werkzeug Gottes stilisiert!
Wenn ich heute in die Nachrichten schaue, wünsche ich mir auch in Deutschland eine solche Bischöfin (gerne eine katholische), die unseren Politiker*innen ins Gewissen redet. Die entsetzliche Tat von Aschaffenburg, bei der ein zweijähriges Kind und ein 41-jähriger Mann starben, macht auch eine Woche danach noch völlig fassungslos. Doch in die echte Trauer mischt sich politisches Kalkül. Der Wahlkampf hat die Stimmung aufgeheizt. „Macht die Grenzen dicht“, heißt die Parole. Plötzlich bröckelt sogar die Brandmauer zur AfD.
Sicherlich, nach jeder schrecklichen Tat, die ein Asylsuchender bei uns verübt, brechen alle Fragen wieder auf: Wie kann es sein, dass ein Mensch bei uns Schutz sucht und seinen Aufenthalt so grauenhaft missbraucht? Warum gelingt es nicht, kriminelle Asylsuchende schneller aufzuspüren und abzuschieben? Was hätte getan werden müssen, um die abgründige Attacke zu verhindern? All diese Fragen sind wichtig. Und auch ich wünsche mir, dass es einfache Antworten gibt, damit dieser Irrsinn von Anschlägen endlich aufhört.
Aber leider gibt es keine einfachen Antworten. Ich denke an den Jungen marokkanischer Abstammung, der bei der furchtbaren Messerattacke sein Leben verloren hat. Welche Flucht-Geschichte hat wohl seine Familie erlebt? Kann man in seinem Namen ernsthaft fordern, dass alle deutschen Grenzen dichtgemacht werden? Ich denke auch an die vielen fried-liebenden Menschen aus Afghanistan, die vor den Taliban unter akuter Lebensgefahr geflohen sind. Sind sie alle potentielle Mörder? Ist das unser Menschenbild?
Heute vor 80 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. In diesem Lager wurden mehr als 1 Million Menschen von den deutschen Nazis umgebracht. Musk, Trumps Günstling, sagte dazu am Samstag beim Wahlkampfauftakt der AfD per Video, dass es in Deutschland „zu viel Fokus auf vergangene Schuld“ gebe und man dies hinter sich lassen müsse. Wie zynisch kann man sein?
Die Menschen, die damals fliehen konnten, fanden Zuflucht in anderen Ländern. Im Gedenken an sie wurde das Asylrecht 1949, nach dem Zweiten Weltkrieg, in unserem Grundgesetz festgeschrieben. Gerade unsere deutsche Geschichte müsste uns also lehren, dass Menschen aus dramatischen Gründen aus ihrer Heimat fliehen und dass es eine Frage der Menschlichkeit ist, ihnen Schutz zu gewähren. Völlig abgeriegelte Grenzen passen dazu nicht. Ein Schulterschluss mit der AfD verbietet sich von selbst.
Ich wünsche mir, dass wir die Stimme erheben, laut und deutlich, wie die Bischöfin Mariann Budde. Gegen Populismus, Rassismus und Spaltung. Für Mitgefühl, Solidarität und standhafte Demokratie. „Seid Menschen“, sagt die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer zu uns. Auch sie eine so mutige, wunderbare Frau.
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Vielen Dank für diesen Beitrag und den ermutigenden Aufruf zum solidarischen Miteinander! Wir alle weltweit haben diese Solidarität so dringend nötig!
Ich möchte nur den geschichtlichen Bezug ergänzen:
Sie haben geschrieben: „Die Menschen, die damals fliehen konnten, fanden Zuflucht in anderen Ländern.“ Gemeint sind die Verfolgten des NS-Regimes.
Leider waren die Wege für diese Menschen oft versperrt, und so fielen sie doch der NS-Tötungsmaschinerie zum Opfer.
Das lässt sich gut nachlesen auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/themen/holocaust/gerettete-geschichten/177609/exillaender-juedischer-fluechtlinge-aus-dem-deutschen-reich/
Hier ein paar Zitate daraus:
„Bis 1938 ist die britische Aufnahmepraxis restriktiv. Sie liberalisiert sich allerdings unter dem Eindruck des Novemberpogroms. In den Jahren 1938/39 kommen ca. 10.000 Kinder mit den so genannten „Kindertransporten“ ins Land. Mit Kriegsbeginn im September 1939 werden die Grenzen wieder geschlossen. “
Ähnlich restriktiv sind die Aufnahmeverfahren in den USA und anderen Ländern, z.B. in der Schweiz:
„Die Schweiz vertritt eine Flüchtlingspolitik, die die Weiterwanderung forciert. 1938 werden die Grenzen für jüdische Flüchtlinge geschlossen. Für diejenigen Emigranten, die es in die Schweiz geschafft haben, gestaltet sich der Aufenthalt aufgrund des strikten Arbeitsverbots schwierig.“
Dazu ist zu beachten: Deutschen Juden wurde ein „J“ in den Pass eingedruckt. Dadurch war ihnen der Weg z.B. in die Schweiz versperrt. Da musste man sich eben anders behelfen, z.B. indem man ohne gültige Papiere versuchte einzureisen. Heute nennen wir das „illegale Einwanderung“. Manche unserer Politiker nennen solche verweifelten Menschen „kriminell“.
Dazu noch einmal der Hinweis auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung:
Es war eine „Situation, in der Menschen gezwungen waren, Grenzen vorgeblich als Touristen oder auch gänzlich ohne gültige Papiere zu überqueren, um ihr Leben zu retten.“
Ja, erheben wir also unsere Stimmen für alle schutzbedürftigen Menschen und sorgen wir gut füreinander!