
In diesen Tagen läuft der Fernseher bei uns gerade viele Stunden, wir schauen Olympia. Da gibt’s dann sogar mal Kaffee oder Mittagessen vor dem Fernseher. Sport und Wettkämpfe faszinieren mich, ich habe selbst früher viel Sport gemacht und mein erster Berufswunsch als Jugendliche war, Sport-Journalistin zu werden :).
Wenn ich Sport im Fernsehen anschaue, dann schwingt immer ein Satz meines Vaters mit, „black is beautiful“. Welche Geschichte hinter diesem Satz steckt und wie er mich letztlich geprägt hat, habe ich in meinen SWR4-Abendgedanken in der vergangenen Woche aufgeschrieben:
„Es ist Anfang Mai 1945, Kriegsende in Deutschland. Auch in einem kleinen Dorf in Bayern. Am Straßenrand steht ein Bub, noch keine fünf Jahre alt. Er winkt den Menschen zu, die aus vorbei rollenden Panzern ihre Köpfe herausstrecken. Es sind amerikanische Soldaten. Und damit ist für die 300 Einwohner klar: Es ist tatsächlich Frieden. Plötzlich reißt der kleine Junge vor Staunen den Mund auf: Aus einigen Panzern winken ihm schwarze Menschen zurück, mit schwarzer Haut und schwarzen Haaren. Sie lachen, er sieht ihre weißen Zähne – und sie werfen ihm Kaugummis zu. Beides hat er in seinem Leben noch nicht gesehen: einen Menschen mit dunkler Hautfarbe und einen Kaugummi.
Der Bub von damals ist heute fast 80 Jahre alt und ist mein Vater. Er hat uns diese Geschichte immer und immer wieder erzählt. Und jedes Mal haben wir es in seiner Stimme gehört, wie fasziniert er von dieser Begegnung war. Das hat ihn geprägt. Und es hat uns Kinder geprägt. Wir sind aufgewachsen mit einer Faszination für das Neue und Fremde; und für Menschen, die nicht, wie wir, weiß waren.
In späteren Jahren haben mein Vater und ich oft zusammen Sport im Fernsehen angeschaut. Ich erinnere mich noch gut an dunkelhäutige Sprinter aus den USA oder Jamaika bei der Olympiade. Wenn sie mit ihrer ganz besonderen Eleganz durch das Stadion gelaufen sind, hat mein Vater nur gesagt: Black is beautiful. Schwarz ist schön.
In Tokio beginnen jetzt die olympischen Spiele. Ich werde mit meinen Kindern sicher viele Stunden vor dem Fernseher verbringen und mitfiebern und staunen. Wie stark manche Athleten sind, zum Beispiel beim Kugelstoßen. Oder wie anmutig manche Turnerinnen auf dem Schwebebalken unterwegs sind. Ich muss dabei nichts mehr kommentieren oder einordnen; für meine Kinder ist es heute selbstverständlich und normal, Mädchen und Jungs mit dunkler Hautfarbe im Freundeskreis zu haben. Es ist sogar mehr als das: Mein Sohn hat zu Beginn seiner Schulzeit einen Jungen kennengelernt; dessen Eltern stammen aus Sri Lanka und alle haben dunkelbraune Haut und schwarze Haare. Eines Mittags kam mein damals Siebenjähriger nach Hause und hat etwas sehr Schönes gesagt; und ich habe nochmals dieselbe Faszination wie bei meinem Vater gespürt: „Mama, ich habe meinen ersten schwarzen Freund“. Wie stolz er da war.
Das wünsche ich allen Eltern und Großeltern. Dass ihre Kinder und Enkel offen sind und fasziniert bleiben für unterschiedliche Begegnungen. Es liegt in ihrer Hand, das Fundament dafür zu legen.“
Autor
Alle Beiträge ansehenJournalistin, Patchwork-Mama und Öffentlichkeitsreferentin beim KDFB Rottenburg-Stuttgart - In der Corona-Zeit bin ich über Nacht wieder zur Vollzeit-Mama geworden und versuche Haushalt, Homeoffice und Hausaufgaben zu managen. Zwischendurch gibt’s Unterstützung durch meinem Partner - als Mediziner ist seine Anwesenheit in diesen Tagen aber noch ein bisschen unplanbarer als zuvor. Das, was mich bewegt in dieser neuen Zeit, möchte ich teilen; denn teilen heißt: sich näherkommen, einander begegnen. Das braucht es in diesen Tagen vielleicht mehr denn je.
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