
Frau Merkel sagt, dass man alles Unnötige gerade lassen soll, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Angesichts rasant wachsender Infektionszahlen klingt das vernünftig. Aber in meinem Inneren rumort es. Was, so frage ich mich entnervt, ist eindeutig „unnötig“?
Sicherlich: Auf manches verzichte ich bereitwillig. Die Geburtstagsparty – ins Wasser gefallen. Was soll´s, es gibt hoffentlich weitere Feste. Die Bürorunden unter Kolleginnen – sind gerade eben nicht möglich. Geschenkt! Wir schauen uns unter der Maske freundlich an und halten Abstand. Unnötig, sich darüber aufzuregen, denke ich.
In den letzten Tagen stolpere ich aber immer wieder über Entscheidungen, die ungleich schwerer sind. Ist das Treffen unserer Geistlichen Beirätinnen, bei dem sie ihre Situation reflektieren können und neue Kraft für die Arbeit im Zweigverein tanken, unnötig? Ist der Besuch bei meinen Eltern unnötig oder das Treffen mit meiner Schwester, die ich mehrere Monate nicht gesehen habe? Ist der nächste Gottesdienst unserer Frauenkirche unnötig, bei dem sich viele Frauen wiedersehen können, ich aber letztlich nicht weiß, ob sie auch auf dem Kirchplatz den richtigen Abstand einhalten?
Ich merke, dass dieses Abwägen mir Stress macht. Es kostet mich Kraft, immer neu abzuschätzen, was wie wichtig und was wie riskant ist. Ich weiß nicht recht, wann ich ein Risiko bewusst eingehen soll und dann eben auch die Verantwortung trage, falls es schiefgeht. Manchmal habe ich das Gefühl, ich kann es dabei nur falsch machen.
Schwer ist es, die Werte miteinander zu vergleichen und auszutarieren. Ein Wert ist die Sorge um die Gesundheit von mir und anderen. Das Letztrisiko, dass Menschen an Covid 19 sterben, hängt über allem. Aber wenn wir uns einzig davon leiten lassen, dann können wir uns nur noch ins Bett legen. Ein Wert ist auch, dass wir Gemeinschaft brauchen, dass wir einander stärken müssen gerade in dieser so herausfordernden Zeit. Oder etwa nicht?
Wir haben uns am letzten Wochenende als Geistliche Beirätinnen unserer Diözese doch getroffen. In unserem Tagungshaus in Bad Boll war alles bestens vorbereitet. Ich wurde zur Oberlehrerin, die das Masketragen bei jedem Verlassen des Platzes zur Pflicht gemacht hat. Und wir haben gelüftet, was das Zeug hielt…
Trotzdem haben wir gespürt, wie wohltuend es ist, über unsere Sorgen zu reden und uns auszutauschen über das, was uns gerade so viel Kraft kostet. Und zu überlegen, wie wir für andere Frauen Stütze sein können, damit sie durch diese schwere Zeit kommen.
Noch kann ich nicht sicher sagen, ob sich jemand dabei angesteckt hat. Aber ich empfinde, wir waren sehr verantwortungsbewusst, und ich trage die Rückmeldung der Frauen im Herzen, dass sie so froh waren über unsere Begegnung.
Es ist ein Balanceakt. Die Vorsicht zu paaren mit dem Mut. Die Zuversicht nicht zu vergessen. Für unsere seelischen Bedürfnisse einzutreten, die auch zu ihrem Recht kommen müssen. Uns nicht von der Angst und Weltuntergangsstimmung regieren zu lassen. Sondern selbstbestimmt zu bleiben in dem, was wir als unnötig akzeptieren, und dem, was wir so nötig brauchen, um durchzuhalten.
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Liebe Claudia, mir geht es ähnlich. Manche Kontaktformen sind offiziell verboten, aber jetzt gibt es das große Graufeld dessen, was nicht verboten ist, was man aber nach der Worten mancher Politiker*innen trotzdem bitte sein lassen soll. Das Abwägen bleibt jede* selbst überlassen. Ich finde das immer wieder schwierig. Aber vielleicht steckt in dieser Aufgabe auch die Chance, Gemeinschaft, Begegnung und Kooperation als Werte hervorzuheben – immer unter Berücksichtigung des Gesundheitsschutzes natürlich. Danke für diesen Beitrag und für Deine anderen geteilten Gedanken!