Inzwischen habe ich eine neue Telefonroutine entwickelt. Am frühen Abend mache ich meine Runde: Eltern, alte Tante, Freunde, denen alleine die Decke auf den Kopf fällt. Mittendrin eine Frankfurter Nummer, die mich anruft: „Ja, hallo hier ist Claudia.“ „Hier die Bundespolizei.“ Die Schrecksekunde dauert kurz, ich habe schon Erfahrungen. Mit AGIAMONDO arbeiteten zu Beginn der Corona Zeit knapp 300 Fachkräfte rund um den Globus. Einige mussten zurückkommen angesichts der Sicherheitslage, andere haben sich selbst dafür entschieden angesichts der Entwicklungen vor Ort. Fast alle haben die wahnwitzigsten Reiseerfahrungen gemacht. Der internationale Flugverkehr ist komplett zum Erliegen gekommen, die Rückholaktion unseres Außenministers hat den Druck vor Ort erhöht („Wenn Sie jetzt nicht mitkommen, geht der nächste Flieger erst wieder im Juni.“), das allgemeine Chaos aber auch.

Ein Ticket nach Europa ist wie ein Sechser im Lotto. Was macht es da schon, wenn das Ziel nicht Berlin, sondern Paris ist. „Nehmen Sie sich halt einen Mietwagen und fahren damit nach Berlin.“ Doch solche Selbstverständlichkeiten sind schon lange alles andere als selbstverständlich: keine Einreisegenehmigung von Frankreich nach Belgien, dann für Nichtdeutsche keine Weiterfahrt von Belgien nach Deutschland. „Einer in unserer Gruppe ist aber Schweizer“- tja, Pech gehabt. Montagmorgens um 7.00 Uhr kam zum ersten Mail ein Anruf vom Flughafen bei mir an, eine unserer Fachkräfte hatte es endlich von Nigeria bis Frankfurt geschafft und wähnte sich fast am Ziel ihrer Reiseträume. Kleines Problem: Ihr Ehemann ist Italiener. Da ist keine Einreise nach Deutschland mehr möglich. „Der Mann war in den letzten drei Jahren gar nicht in Italien“ –„Egal“. „Er ist mitausreisender Ehemann einer deutschen Entwicklungshelferin, die in einem staatlichen Programm arbeitet. „Egal“. „Er ist EU-Bürger“, – „ schon lange egal“. „Er ist Ehemann einer Deutschen“. „Selbst das egal -um 13.30 Uhr wird er mit dem nächsten Flug nach Rom abgeschoben.“ Tränen, Kämpfe, Kontakte in Berlin spielen lassen. Dank der Unterstützung von geübten Frankfurter Caritas-Rechtsanwälten holen wir ihn quasi in letzter Minute noch wieder aus dem Flieger raus.

Und jetzt abends eine Familie mit mehreren Kindern. Sie kommen gerade aus Sierra Leone und haben doch tatsächlich keinen ersten Wohnsitz in Deutschland. „Entwicklungshelfer, die nach dem gleichnamigen Gesetz arbeiten, dürfen keinen Wohnsitz in Deutschland haben“. „Egal – keine Einreise“ Hatten wir mal einen Rechtsstaat. Ich verzweifle langsam an diesen Zuständen. Viele Ministerialbeamte unterstützen uns nach besten Kräften, auch die Bundespolizei lässt sich von einem offiziellen Brief am Ende überzeugen. Ich raufe mir die Haare vor „Corona-Sorgen“, doch weiß ich auch. Das ist alles nichts im Vergleich zu dem, was unsere Partner und Freunde erleben, die zurückgeblieben sind, weil Ausreise für sie gar keine Option ist. Für sie gibt es nie ein Ticket, kein Visum und erst Recht kein Verständnis bei irgendwelchen Behörden.

2 Kommentare

  1. Elisabeth Urhahn 9. April 2020 at 18:06

    Erschreckend, was da gerade passiert. Auch der Zustand der völlig überfüllten Lager auf den griechischen Inseln. Wie kann es sein das Menschenrechte kaum noch zählen? Deutschland holt 50 Kinder daraus statt angesichts der drohenden Pandemie alle Flüchtlinge zu evakuieren. Wo bleibt der Aufschrei von uns Christinnen?

  2. Birgit Mock 13. April 2020 at 20:17

    Liebe Claudia, danke für Deinen Bericht, der uns einmal mehr die Augen öffnet. Vieles droht in Corona-Zeiten so klein zu werden, nicht zuletzt unsere Sicht. Als Frauenbund sehen wir uns in der Verantwortung mit den Frauen (Männern und Kindern) auf der ganzen Welt. Lass es uns wissen, wenn wir als Verband konkret in den Situationen, die Du beschreibst, helfen können.

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