
Es ist Sonntag, kurz nach 8 Uhr. Ich habe ausgeschlafen und ich habe gut geschlafen. Es ist mein Geburtstag. Ich genieße die Ruhe im Haus, die Kinder schlafen noch, mein Partner hat Dienst und ist noch in der Klinik. Ich stehe vor dem Kleiderschrank und will heute mal nicht in Jeans und Shirt herumlaufen, mein tägliches Outfit seit April. Ich suche mir die schöne schwarze Cordhose, die ich letztes Jahr gekauft habe und eine schicke Bluse dazu. Aber – Mist. Ich bekomme die Hose tatsächlich nicht mehr zu! Ich erschrecke ein bisschen und suche eine andere schöne Hose. Die geht gerade noch, aber ist enger als vor einem halben Jahr. Meine Tochter hat wohl recht, ich sollte mich mehr bewegen.
Ich decke den Tisch, zünde Kerzen an, finde eine blitzblank geputzte Küche vor und den selber gebackenen Karottenkuchen meiner Tochter. In anderen Jahren hätte ich mich vielleicht geärgert; nicht mal am Geburtstag macht mir jemand das Frühstück, wenn ich schon das ganze Jahr über für alle aufstehe. Aber so ist es nicht. Ich wundere mich über mich selbst. Ich gehe kurz raus auf die Terrasse, wie fast jeden Morgen. Heut ist es eisig kalt. Ich mag es, von der Kälte ein bisschen gebissen zu werden und dabei in die Sonne zu schauen. Und dann wieder zurück ins Warme. Ich freue mich, als die Kinder nacheinander grinsend die Treppe runterkommen. Der Jüngste mit einem Not-Geschenk, ein Gutschein, wie immer. Dieses Mal für Spülmaschine ausräumen, Brötchen holen und saugen. Alles 10 Mal. Ich schmunzle, denn auch in diesem Jahr wieder ein Schreibfehler. Und ich schmunzle noch mehr als er mir sagt, er hätte seinen großen Bruder gefragt und der meinte, alles sei richtig. Der große Bruder ist 18😊. Dafür schmeißt der Große heute die Küche – aber erst nachdem er, wie jeden Sonntag, wenn er da ist, Punkt 11.30 Uhr die Sendung mit der Maus angeschaut hat. Es gibt perfekt gebratene Rinderhüftsteaks mit Rosenkohl und Ofenkartoffeln. Danach gesunden, kalorienarmen Nachtisch mit Skyr und Orange von meiner Tochter.
Meine Eltern kommen zum Kaffee vorbei – so ganz wohl ist es mir dabei nicht. Aber ich möchte ihnen das nicht nehmen, sie wollen gerne kommen; beide sind fast 80. Ich habe sie ans Ende des Tisches gesetzt und hoffe einfach nur, dass alles gut geht, dass keiner infiziert ist oder es wird. Ich wusste, was sie mir mitbringen würden: einen schönen, großen, roten Weihnachtsstern. Wie jedes Jahr. Normalerweise bekomme ich immer noch Pralinen dazu. Vielleicht hat meine Tochter dieses Jahr ein Veto eingelegt. Mittlerweile sind wir vollständig, für ein paar Stunden sind alle zusammen am Tisch.
Die letzten Sonnenstrahlen des Tages lassen den Garten nochmals leuchten. Ich hole den Foto und stelle die Kinder in den Lichtstreifen. Es ist nicht nur das Motiv, das ich festhalte, es ist das Gefühl eines ganzen Tages.
Die digitalen Glückwünsche überwiegen in diesem Jahr, 19x Facebook, 11x Whats-App, 3x Messenger, 2 E-Mails; ein paar Anrufe dazu. Die handgeschriebene Postkarte im Briefkasten fällt aus der Reihe und ist fast wie ein besonderer Schatz.
Als es wieder ruhig ist im Haus gehe ich ins Büro, lese und schreibe ein paar Worte, das ist mein Meditationsraum.
Es ist fast 24 Uhr. Mein Partner ist ein zweites Mal aus der Klinik gekommen. Wir treffen uns mit einem Glas Wein auf dem Sofa. Vieles ist ganz anders gewesen und manches trotz allem gleichgeblieben, wohltuend gleich. Für das nächste Jahr wünsche ich mir nicht mehr und nicht weniger als nur dieses: Dass ich ebenso gut schlafe am Tag vor meinem Geburtstag, egal was kommt.
Alle Beiträge ansehenJournalistin, Patchwork-Mama und Öffentlichkeitsreferentin beim KDFB Rottenburg-Stuttgart - In der Corona-Zeit bin ich über Nacht wieder zur Vollzeit-Mama geworden und versuche Haushalt, Homeoffice und Hausaufgaben zu managen. Zwischendurch gibt’s Unterstützung durch meinem Partner - als Mediziner ist seine Anwesenheit in diesen Tagen aber noch ein bisschen unplanbarer als zuvor. Das, was mich bewegt in dieser neuen Zeit, möchte ich teilen; denn teilen heißt: sich näherkommen, einander begegnen. Das braucht es in diesen Tagen vielleicht mehr denn je.
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