
Morgen früh sitze ich im Zug. Dann beginnt für mich ein besonderer Sommer. Ich werde auf der Nordsee-Insel Wangerooge arbeiten. Dort werde ich jeden Tag um 7.00 Uhr aufstehen. Eigentlich gar nicht meine Zeit im Urlaub. Und trotzdem freue ich mich sehr auf diese Wochen: weil ich mit Gott im Urlaub bin. So würde ich meinen Einsatz auf der Insel beschreiben. In einem Team aus ganz Deutschland und zusammen mit dem Inselpfarrer kümmern wir uns um Einheimische und Touristen. Wir machen Urlauberseelsorge.
Mir gefällt diese Art von Kirche. Eine Gemeinschaft auf Zeit zu sein, die anderen etwas Gutes tut. In diesen vierzehn Tagen, ohne Plan für die Zukunft.
Ich habe das vor vielen Jahren als junge Erwachsene erlebt. Als ich Kinder und Jugendliche in den Sommer-Zeltlagern unserer Kirchengemeinde betreut habe. Die meisten hatte ich noch nie in unserer Gemeinde getroffen. Das spielte aber überhaupt keine Rolle. Wichtig war die Begegnung in dieser einen Woche im Jahr. Wir haben zusammen gegessen und am Lagerfeuer gesungen, wir haben Hochwasser und Gewitter überstanden, wir haben gebetet und Lagergottesdienst unter freiem Himmel gefeiert. Wir waren wie eine große Familie, die für ein paar Tage gemeinsam unterwegs war – ohne zu wissen, was daraus wird und ob wir uns je wiedersehen.
Die französische Mystikerin Madeleine Delbrêl hat das einmal in ganz wunderbaren Worten beschrieben: „Geht in euren Tag hinaus ohne vorgefasste Ideen, ohne Erwartung von Müdigkeit, ohne Plan von Gott, ohne Bescheid zu wissen über ihn, ohne Enthusiasmus, ohne Bibliothek – Brecht auf ohne Landkarte – und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist, und nicht erst am Ziel.“
Auch ich habe noch keinen genauen Plan. Ich weiß nicht, was auf mich zukommt. Ich weiß nur: Ich bin einfach erst einmal da. So wie ich bin, mit den Talenten, die ich habe. Ich werde mich anbieten als Begleiterin beim Strandspaziergang zum Sonnenaufgang. Ich werde mich an den Tisch in der Teestube setzen. Ich werde Block und Stift auspacken und einladen, gemeinsam Gedanken aufzuschreiben.
Das ist nicht nur in dieser Corona-Zeit wichtig. Ich glaube, dass das ein Schlüssel für unsere Kirche sein wird: eine offene Tür zu haben, gerne mit anderen unterwegs zu sein, Fremde anzusprechen und ihre Geschichte zu hören. Einfach gastfreundlich zu sein – egal ob auf der Straße oder am Strand.
Ich freue mich, wenn ich in diesem Sommer in den Fußspuren Jesu gehen darf. Und ich bin neugierig: auf Begegnungen mit Menschen, die ich nicht kenne. Auf die Schöpfung und die Kräfte von Wasser und Wind. Ohne Absicht und ohne Ziel. Aber doch mit der Ahnung, dass Gott im Gepäck mit dabei ist.
Eine gesegnete Sommerzeit und wohltuende Begegnungen wünsche ich allen Leserinnen und Lesern!
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Liebe Frau Pfann,
was für ein tolles, den Menschen zugewandtes Angebot! Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit auf der Insel!